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Die Feder gegen Fanatismus und Intoleranz kann nicht spitz und scharf genug sein. Hubertus Franzen

Uli Pforr

Uli Pforr

Unter den düsteren Wohnsilos tanzt ein knallbunter Mob aus Schlagersängern, Transen, Bordsteinschwalben, Matrosen, Koksern und Punks. Die Leinwandbühnen, die im Vordergrund neonfarbenes Acryl und hintergründig dunkle Reliefflächen tragen, sind immer wieder durch scharfe Edding-Linien aufgerissen. In dieser Manege schäkert Comic mit Kunstgeschichte.
Uli Pforr ist der Kuppler.

Die 20er sind drin – klar; Beckmannsche Verführerinnen und Vögel-Höllen, Groszsche Großstadtträume, die wie Granatsplitter aufs Bild gehauen scheinen, Dixsche Viertelmetastasen zwischen Rotlicht, Jazzbar und immer wieder ein kokaeskes, besessenes Feiern, als hätten sich diese Stadtmenschen und Revierköter gerade aus dem letzten Krieg gerettet. »Auf die Zwanziger bin ich erst gestoßen, lange nachdem ich mich in die Malerei gestürzt habe. Ich hatte keine Ahnung von Kunstgeschichte. Die Stadt so darzustellen, war naheliegend, weil ich mich selbst genau in diesen Vierteln rumtreibe.« Pforr greift also nicht ausschließlich auf Kontinuitäten zurück. Er ist nicht Popart, er ist nicht Expressionist, neu-sachlich schon gar nicht. Er ist aktuell, und das sowas von. »Veddel, Schanze, St. Pauli. In meinen Bildern knallt es, muss es knallen. Deswegen ist alles wild, bunt und explosiv und eng.« Der Künstler, der unter Platzangst leidet, und gerade deswegen aus dem ländlichen Flensburg ins dichte Hamburg gezogen ist – vielleicht um das Fürchten zu lernen – scheint besessen vom wilden, gefährlichen Nachtleben, zwischen schillernden Feierkathedralen, Dirnen und Gosse.

In einem Bild strahlen zwei unschuldige Engelserscheinungen als ›Unschuld vom Lande‹ unter den mit Smogbleischürzen behangenen Blocks entlang – gierig betrachtet von schwitzenden Viertelbewohnern. In den nächsten Bildern gibt es keine Engel mehr, alles ist Tanz und Fest, Fleisch und Farbe; bunte Knallbonbonschweine suchen nach Süßigkeiten, Adam und Eva tanzen den ›Tanz der Teufel‹ über lodernden Höllenleitern und eine Femme Fatal hat sich in all der Enge irgendwo unter der Viertel-hohen europäischen Skyline der Hansestadt einen ›Platz im Grünen‹ gesichert. Hamburg, Hamburg, immer wieder Hamburg. »Ich fühle mich hier extrem wohl. Freunde meinen immer, ich müsste da und dort in die Welt hin. Vorerst habe ich hier genug durchgedrehtes Material für meine Bilder. Es kann sein, dass manche Menschen meine Bilder als düster und distanziert wahrnehmen. Ich selbst bin aber nicht der kühle Betrachter, ich male keine wirklichen Abgründe, da ich selbst Teil meiner Bilder bin – mitten in diesem feiernden Mob. Klar ist da mittlerweile ein gewisser Abstand, weil ich heute mehr Energie in die Malerei stecke, als ins Feiern. Prinzipiell fühle ich aber mit den dargestellten Menschen mit und lache mit ihnen zusammen. Das ist nicht zu vermeiden, wenn man in der Kneipe so Sachen erlebt, wie einen 18-Jährigen, der versucht eine 60-Jährige mit Spagetti-Top und Schülerzöpfchen abzuschleppen und die anfangen, wild zu knutschen. Das muss dann natürlich auf die Leinwand.« Dass alles auf die Leinwand muss, wird klar, wenn der neugierige Besucher Pforr im Atelier auf der Veddel besucht. Die Leinwände stapeln sich, stehen massenhaft in Reihen an die Wand gelehnt, als ob hier jemand einen barocken Salon vor Fertigstellung inszeniert hätte. Doch hier ist nichts inszeniert, Pforr hat jahrelang Ansichten seiner Stadt gesammelt, spuckt sie nun aus, in einer fast beängstigenden Ehrlichkeit und mit der Neugier eines Zugezogenen, der seine Wahlheimat gefunden hat. »Als ich 2000 nach Hamburg gezogen bin, war das alles erst mal sehr krass. Was ich da alles gesehen habe. Diese ganzen Drogenpartys, auf denen du – vom Oberarzt bis zur Prostituierten auf Feierabend – alles findest. Das Rotlicht, na klar. Rocker, die dich durch die Wand prügeln, wenn du sie zu lange anschaust.« Doch Pforr hat hingeschaut, immer wieder alles gesammelt, was um ihn und vor allem mit ihm passiert. Als er 2006 seine Ausbildung zum Illustrator abschließt, erst da ergreift der Malteufel voll von ihm Besitz – und natürlich erkennt man in den Comic-Strip-überzeichneten Charakterstudien immer wieder den Grafiker, der mit Edding-Outlines hier und da sogar blumige Jugendstil-Elemente in die schmutzige Stadterde pflanzt. Auch wenn Pforr regelmäßig als Illustrator an Buchprojekten wie ›St. Georg‹, ›Psychobuch‹ und ›St. Gayorg‹ beteiligt ist, die sich einer wachsenden Auflage erfreuen, ist er zuerst Maler. Auf der Leinwand, so scheint es, tobt er sich voll aus, und nimmt viele Ideen aus seinen Illustrationen mit, die er erst auf dem großen Format voll entfaltet. Dabei bleiben die Sujets nicht im Kiez stecken. »Alles nur so abzubilden, wie ich es sehe, das wäre mir zu einfach. Das ist auch unmöglich, weil ich sehr viel träume, und sehr viele Kindheitserinnerungen mit mir rumschleppe. Das muss alles raus.« Als Junge hat Pforr bunte Dinosaurier gemalt; vielleicht kommen seine Neonstrahlen auf der Leinwand von den wellenhaften Sonnenfarben eines Triceratops-Schildes. Neben den Echsen standen oft Superhelden, Planetenbezwinger wie He-Man. Die Superhelden sind geblieben, tanzend und koksend unter Neonsonnen. Die Dinosaurier haben sich voll in knallige Farben aufgelöst: Rot der Dirnen, Stroboskopblau der Clubs, Absinthgrün der Spieler, Knutschlila der Affären. Auffällig ist, dass sich bei aller Farbspielerei nichts in völlige Abstraktion auflöst. Alles bleibt beim Menschen, alles im Viertel.

John Sauter.

Mehr Informationen erhalten Sie auf der Homepage von Uli Pforr